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Die Judenbuche (Interpretation) | adri.b


Die Judenbuche (Interpretation)
Interpretation
Doc
Heinz Rölleke

Interpretation

Der Erstdruck des einzigen vollendeten Prosawerks der Droste er-
schien in sechzehn Fortsetzungen vom 22. April bis zum 10. Mai
1842 in Cottas angesehenem und weitverbreitetem Morgenblatt für
gebildete Leser. Obwohl sich keine Manuskriptreinschrift erhalten
hat, muß dieser Druck als autorisiert gelten, zumal er nach einem
brieflichen Zeugnis der Dichterin - bis auf geringfügige Änderun-
gen durch Levin Schücking (der die Drucklegung ohne Wissen der
Droste veranlaßt hatte) und den Redakteur Hermann Hauff (auf
dessen Vorschlag der Titel zurückgeht) - »Wort für Wort« korrekt
ist. Noch in demselben Jahr erfolgte ein Nachdruck in der Zeit-
schrift Westfälischer Anzeiger (1. Juni bis 13. Juli 1842), ehe
Schücking 1859, also elf Jahre nach dem Tod der Dichterin, den
Text erstmals zusammenhängend veröffentlichte. Paul Heyse und
Hermann Kurz nahmen das Werk 1876 in ihre kanonbildende

Sammlung Deutscher Novellenschatz auf; erst damit setzt die
bemerkenswerte Rezeptionsgeschichte ein, die durch ein ständig
zunehmendes Interesse des Lesepublikums und eine sich bis in die
Gegenwart fortsetzende, in Art und Umfang einigermaßen singu-
läre wissenschaftliche Diskussion gekennzeichnet ist. Bisher er-
schien die bislang in acht Sprachen übersetzte Judenbuche in etwa
160 verschiedenen Ausgaben, worunter die seit 1884 im Programm
der Reclamschen Universal-Bibliothek vertretene Edition hin-
sichtlich der Verbreitung (vor allem in den Schulen) einen beson-
deren Rang einnimmt. Die Forschung hat es inzwischen auf mehr
als 130 Beiträge gebracht.
Angesichts dieser Zahlen kommt den die Vielfalt und Divergenz
der Meinungen referierenden und kritisch diskutierenden Kom-
mentaren besondere Bedeutung zu: Daß solcherart Besinnung auf
Facta und Realia und zudem für sich sprechende Warnung vor
alexandrinischer Überbordung eines Themas die Lust an immer
neuen Deutungsversuchen und Einzeluntersuchungen indes nicht
im geringsten mindern konnten, erweist exemplarisch das Sonder-

heft der Zeitschrift für deutsche Philologie (Bd. 99, November
1979), das ausschließlich der Judenbuche gewidmet ist und auf 168
Seiten zwölf neue Beiträge bietet.
Gewiß provoziert die Judenbuche nicht nur ein ungewöhnliches
stoffliches Interesse durch den historisch verbürgten Kriminalfall,
das westfälische Dorfmilieu und das mannigfach gebrochene Zeit-
kolorit, sondern vor allem auch disparate Deutungen, und zwar
durch die scheinbare oder wirklich gegebene Dunkelheit oder
Mehrdeutigkeit, in der die entscheidenden Vorgänge ›hinter der
Szene‹ ablaufen, sowie die ebenso ungewöhnliche wie die Erzähl-
traditionen ihrer Entstehungszeit anscheinend weit überflügelnde
Modernität dieser Erzählhaltung überhaupt. Dennoch liegt es nicht
nur an der Dichterin, daß sich nach einem Wort Turgenjews der
um Erkenntnis bemühte Leser »so hin und her gezerrt« fühlt.
Vielmehr sind es die inzwischen fast unübersehbar gewordenen,
nur noch schwerlich korrelierbaren, meist sehr selbstsicher anmu-
tenden Interpretationsansätze, die zu einer Verwirrung über das
Werk beitragen, zumal sich die Interpreten in der Regel nur selten

auf mehr als eine vorgängige Deutung beziehen. Einige Grundli-
nien der wissenschaftlichen Rezeption sollen im folgenden kurz
skizziert werden.
Aus dem 19. Jahrhundert verdienen vornehmlich die Urteile der
Schriftsteller Beachtung. Die Droste selbst erhielt außer einer recht
begeisterten Zustimmung aus dem Bekanntenkreis nur Kenntnis
eines allgemeinen Lobes durch Karl Simrock und Adele Schopen-
hauer, die indes bemängelte, daß »die Hauptmomente [. . .] nicht
scharf genug« vorträten. 1869 rühmte Iwan Turgenjew »Kraft«
und »grelle Anschaulichkeit«: »Nur wird die Handlung bald so hin
und her gezerrt, daß man am Ende nicht recht klug aus der ganzen
Geschichte wird.« Ein Jahr später betrieb Paul Heyse zwar vehe-
ment gegen verschiedene Widerstände die Aufnahme der Juden-
buche in seinen Novellenschatz, schränkte aber im Blick auf die
»Dunkelheit ihres Stils« ein, sie sei »nicht so ohne Fragezeichen
genießbar«, während Theodor Storm gleichzeitig nicht weniger
als dreimal auf den Abdruck drängte. Theodor Fontane urteilte
1890 brieflich:


»Natürlich ist alles stimmungsreich und wirkungsvoll, solch Inhalt
muß wirken, aber das Maaß der Kunst oder gar der Technik ist
nicht hervorragend. Eigentlich enthält die Judenbuche zwei Ge-
schichten [. . .]; die Geschichte mit dem Onkel hätte, nach meinem
Gefühl, verdient zur Hauptsache gemacht zu werden und die Ju-
dengeschichte wäre dann ganz fortgefallen, wollte Annette aber
lieber diese bringen, was auch vieles für sich hat, so mußte das
Voraufgehende mit dem Onkel nur ganz kurze Etappe sein, nicht
aber Concurrenzstück.«

In fast all diesen Resümees mischen sich also Aufmerksamkeit oder
Begeisterung mit Tadel, der sich an der mangelnden Klarheit der
Darstellung, des Aufbaus oder der Proportionen entzündet und so
ex negativo ein Bild des zeitgenössischen Erwartungshorizonts en
miniature zeichnet, den die Droste zweifellos verwirrt - oder bes-
ser: aufgesprengt - hat. Das erkannte als erster Paul Ernst, der
1904 ein ausführliches und hervorragend interpretierendes
»Schlußwort« zur Judenbuche verfaßte:


»Wir haben also in Annettes Werk das Ergebnis einer unbeabsich-
tigten Tätigkeit der künstlerischen Vorstellungskraft vor uns, wel-
che das wirkliche Geschehnis in der Erinnerung verblassen läßt
und ein neues erfindet, teils aus dem sittlichen Bewußtsein der
Dichterin heraus, teils mit Abrundung, Begründung, Ausgestaltung
und Vertiefung zu künstlerischen Endzielen [. . .] wie ohne ihren
bewußten Willen, durch die ungewollte Tätigkeit der Vorstellungs-
kraft, im Lauf der Jahre in ihr sich ein noch ganz roher Stoff in
einen Novellenstoff verwandelte [. . .]. Dazu bedenke man noch,
daß [. . .] ihr bewußtes künstlerisches Wollen ganz gering war, und
daß man sie deshalb [. . .] als Dilettantin bezeichnen muß. So haben
wir also hier ein ganz merkwürdiges Beispiel für das Eigenleben
der künstlerischen Form.«

Die eigentlich germanistische Forschung sollte noch Jahrzehnte
brauchen, bis sie die Qualität dieser Darstellung erreichen oder gar
übertreffen konnte.

Die frühen, zunächst fast ausschließlich quellenkritisch und kom-
mentierend ausgerichteten Arbeiten sind heute sämtlich überholt:
Die Eruierung der schriftlichen Quelle und relevanter Realia sowie
die textkritische Edition aller Vorstufen und Lesarten sind erst -
dann jedoch auch so gut wie abschließend - durch die Bücher
Heinz Röllekes (1970) und Walter Huges (1977) geleistet, und
seither werden diese Grundlagen fast durchweg in den Interpreta-
tionen hinreichend berücksichtigt. Das hatten die in Einzelheiten
vorarbeitenden Werke von Felix Heitmann (1914) und Karl
Schulte Kemminghausen (1925) leider nicht bewirkt, so daß bis
zum Beginn der siebziger Jahre die darauf (oft aber eben nicht
einmal darauf!) basierenden Untersuchungen in vielen grundlegen-
den Einzelheiten in die Irre gingen. Als insgesamt relevant können
aus diesem Zeitraum wohl nur noch genannt werden Friedrich
Gundolfs innovierende Hinweise u. a. auf die Verwandtschaft der
Judenbuche mit den Schicksalsdramen (1931), Emil Staigers
einfühlsame Sinndeutung mythisch-alttestamentarischer Struktu-
ren vor dem Hintergrund des Drosteschen Gesamtwerks und einer

weithin überzeugenden Anthropologie der Spätromantik (1933),
die ersten einläßlichen Einzelinterpretationen von Benno von Wiese
und Walter Silz wegen ihrer gattungsspezifischen, letztlich aber
immer noch nicht befriedigend beantworteten Fragestellungen
(1954), Heinz Röllekes erstmals konsequent auf die theologische
Dimension der Judenbuche abhebender Beitrag (1968), zu dessen
Ansatz fast alle folgenden Aufsätze kritisch-skeptisch oder affir-
mativ Stellung nehmen, sowie ganz besonders die ein Jahr zuvor
erschienene Studie Heinrich Henels, der den »Sinn der Novelle
eben in ihrer Dunkelheit« sieht und die so ungewöhnlichen Diver-
genzen der Interpretationen im Detail wie im Grundsätzlichen als
unvermeidlich, weil letztlich von der Droste intendiert auffaßt. In
der Folge haben viele Autoren diese These weiter abzusichern und
zu konkretisieren versucht - am weitesten geht dabei augenschein-
lich Maruta Lietina-Ray, die, auf den Henelschen Ansatz gestützt,
in einer Art Kreisbewegung sogar zu ganz frühen Positionen der
Forschung zurückkehrt und eher in Johannes als in Friedrich den
Judenmörder zu sehen geneigt ist. Dies ist nur ein Beispiel für die

gerade durch Henel eröffnete Spannweite und die dadurch gewon-
nenen neuen Möglichkeiten der augenblicklichen Diskussion, die
sich nicht nur weiterhin vertieft um die Bedeutung der Gescheh-
nisse bemüht, sondern sich auch vehement wieder an der Frage
nach deren Ein- oder Mehrdeutigkeit selbst entzündet.
Dabei ist besonders bemerkenswert, daß der erst in jüngerer Zeit
ins Spiel gebrachte Versuch, mit Hilfe der handschriftlichen Vor-
fassungen und Varianten den Gang der Handlung und entspre-
chende Intentionen sicherer erkennbar zu machen, faktisch in
Einzelheiten und methodisch insgesamt schon wieder in Frage
gestellt wird. Solch ständig neues Öffnen der Diskussion ist ein Zei-
chen für die Lebendigkeit und die wissenschaftliche Aktualität der
Judenbuche wie eben auch ein besonderes Verdienst der Einsichten
und Thesen Henels.
Im übrigen vertreten fast alle jüngeren Interpretationen sehr ver-
schiedenartige Ansichten, weil ihr Erkenntnisinteresse nur selten
einen übereinstimmenden Ansatz zeigt. Die folgende Kurzcharak-
terisierung muß daher mit einigen Vereinfachungen arbeiten; sie

stellt eine Auswahl aus dem neuesten Schrifttum seit der for-
schungsgeschichtlichen Zäsur von 1970 vor und kann nur einer
ersten Orientierung dienen.
Benno von Wiese konzentriert seine gegenüber 1954 genauer ver-
fahrende Interpretation auf die Entwicklung Friedrichs zum Mör-
der, kann dabei aber einen Widerspruch nicht ganz vermeiden,
wenn er die Position Gundolfs oder Röllekes (»Erzähltes Myste-
rium«) zwar grundsätzlich anzweifelt, am Ende aber doch aus-
drücklich das »Geheimnis« und »das Mysterium des Bösen« als
konstitutiv herausstellt.
Radikal, wenn ...
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